Occasionsmarkt: Ist die Talsohle erreicht?

Grosse Herausforderung

Occasionsmarkt: Ist die Talsohle erreicht?

26. Februar 2021 agvs-upsa – Sie ist aktuell einer der grösseren Herausforderungen für Unternehmer im Autogewerbe: die Situation auf dem Occasionsmarkt. Der Markt trocknet aus und «gute», also qualitativ hochwertige und gut ausgestattete Gebrauchte, sind gesucht wie selten zuvor. agvs-upsa.ch hat bei grossen Händlern den Puls genommen. 

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Der Handel mit Occasionen ist für viele Betriebe im vergangenen Jahr noch wichtiger geworden. Damit gewinnt die rentable Bewirtschaftung des Occasionslagers laufend an Bedeutung. Quelle: Istock

kro. Im Januar 2021 wurden erneut 19,5 Prozent weniger Neuwagen immatrikuliert als im Januar 2020. Und damals wurden schon 10 Prozent weniger eingelöst als noch im Januar 2019. Kumuliert sprechen wir zwischen Januar 2019 und Januar 2021 damit von einem Rückgang von 27,7 Prozent. Das hat auf verschiedenen Ebenen Auswirkungen auf den Occasionsmarkt. Einerseits fehlen «gute» Gebrauchte, die beim Neuwagenkauf häufig eingetauscht werden. Und anderseits wird auf «gute» Occasionen zurückgegriffen, wenn das Angebot bei den Neuwagen aufgrund von Lieferschwierigkeiten oder Rücksicht auf die aktuelle Situation auch finanziell nicht genutzt werden kann. Und: Es war im vergangenen Jahr vor allem das Geschäft im Bereich Flotten und Vermietungen, das besonders stark gelitten hat. Diese Fahrzeuge fehlen als junge Occasionen heute zusätzlich auf dem Markt. 

René Mitteregger ist Datenspezialist bei Auto-i-dat AG und hat 2020 bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf die Entwicklung im Occasionsmarkt hingewiesen: «Es wird zu einer akzentuierten Verknappung von ‘guten’ Occasionen kommen», sagte er und konstatiert heute: «Diese Situation haben wir aktuell – und wir werden sie auf absehbare Zeit haben.» 

Eine aktuelle Umfrage von agvs-upsa.ch unter grossen Occasionshändlern bestätigt das: «Das erste Halbjahr 2021 wird sich eher herausfordernd entwickeln», sagt Christoph Furter, Geschäftsführer von Emil Frey Select. Patrick Germann, Geschäftsleiter der Auto Germann AG, sagt: «Da heute jeder Kunde im Internet nach einem passenden Fahrzeug sucht und vergleicht, steigt die Bedeutung der effizienten Bewirtschaftung des Occasionsgeschäfts für jeden Garagisten». Und Karin von Rotz, Vorsitzende der Geschäftsleitung der von Rotz Gruppe, weist darauf hin, dass die Verkäufe noch gut laufen, «die Fahrzeugbeschaffung aber immer eine Herausforderung sei». Besonders in diesen Zeiten. Damit verbunden: «Durch die Verknappung der Anzahl Gebrauchtwagen stiegen die Preise konstant an», sagt Gabriel Galliker, CEO Gruppe der Emil Galliker Holding AG. 

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Gabriel Galliker und Karin von Rotz. Quelle: pd

Gerade in diesen Zeiten kommt es darauf an, wer noch Fahrzeuge an Lager hat, denn ohne Fahrzeuge kein Geschäft. «Wir hatten letztes Jahr noch grosse Anstrengungen unternommen und rechtzeitig attraktive Fahrzeuge zugekauft», sagt Christoph Furter. Ausserdem importieren er und sein Team passende Occasionen aus Emil Frey-Niederlassungen im Ausland, wo zum Teil noch genügend Fahrzeuge vorhanden sind. Und, sehr geschickt: Emil Frey hat vor Weihnachten auf ihrer Homepage die Aktion «Wir kaufen Ihr Auto» lanciert. Kunden können einfach und unkompliziert ihr Auto online zum Kauf anbieten, ohne dass sie an einem Neuwagen oder einer Occasion im Eintausch interessiert sind. Andere sind aktuell temporär «ausgeschossen». «Wir könnten mehr Fahrzeuge gebrauchen und sind täglich am Ausschau halten nach guten Angeboten», sagt Karin von Rotz und handelt nach der Devise: «Aktiv sein und nicht warten, bis die Occasionen zu einem kommen.»

Und auch die Galliker-Gruppe ist aktiv am Zukaufen, was gemäss Gabriel Galliker aber «immer schwieriger wird.». Einen Grund dafür erkennt Patrick Germann: «Viele Kunden versuchen, ihre Occasion selbst über Online-Plattformen zu verkaufen, weil sie glauben, den besseren Preis zu erzielen. «Das kommt auch daher, dass wir als Marken-Garage die Aufbereitung manchmal etwas zu vorsichtig kalkulieren, weil wir der erwarteten Qualität verpflichtet sind.» Eine korrekte Instandstellung, so Germann, treibt die Kosten hoch. 

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Patrick Germann (l.) und Christoph Furter. Quelle: pd

Steigt mit dem ausgetrockneten Markt die Gefahr, dass der Selbstimport von Occasionen durch Garagisten und Private zunimmt? Karin von Rotz hält diese Gefahr auch aktuell für eher klein, weil «das unterschiedliche Qualitätsverständnis und die unterschiedlichen Ausstattungswünsche zwischen der Schweizer Kundschaft und deren von benachbarten Ländern sehr gross ist.» Gabriel Galliker hingegen sieht diesen Prozess «bereits in Gang». Und auch Christoph Furter sagt, dass es ohne Zweifel Bestrebungen seitens Garagisten zum (Selbst-)Import geben wird. Allerdings sei es nicht ganz einfach, ohne langjährige Kontakte an qualitativ hochwertige Occasionen aus verlässlichen Quellen zu kommen. Und er verweist zusätzlich auf den administrativen Aufwand und das finanzielle Risiko, das beim Import recht hoch sei. Das sieht auch Patrick Germann so, wenn er sagt: «Es braucht viel Erfahrung und Risikobereitschaft, wenn ein Garagist das selbst betreiben möchte.»

Bleibt die Frage, ob wir die Talsohle erreicht haben. «Davon ist nicht auszugehen», sagt Gabriel Galliker, der davon überzeugt ist, dass «dieser Zustand noch länger anhalten wird.» Auch Karin von Rotz sieht für sich und ihre Kollegen «noch verschiedene Herausforderungen zu meistern.» Christoph Furter sieht die Talsohle «noch nicht erreicht», ist aber überzeugt: «Sobald die Corona-Massnahmen aufgehoben werden und die Produktionsketten wieder normal funktionieren können, wird sich der Markt rasch erholen.» Etwas differenzierter sieht das Patrick Germann: «Ich bin nicht einverstanden, wenn wir von einer Talsohle sprechen. Der Occasionsmarkt läuft im Vergleich zum Neuwagenhandel trotz allem noch gut.»
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