Einsen, Nullen und emotionalere Zahlenkombinationen

8. Januar 2021 agvs-upsa.ch – Aus der hippen IT-Branche ins Schweizer Autogewerbe: Am 4. Januar 2021 hat Arnold Marty seine neue Aufgabe als CEO der SAG Schweiz angetreten. Porträt eines Managers, der die Erfahrung aus verschiedenen Berufswelten in die Swiss Automotive Group trägt.

sco. Die digitale Welt besteht aus Einsen und Nullen. Die liebste Zahlenkombination von Arnold Marty jedoch ist 911. Die individuelle Mobilität sei ihm sehr wichtig, sagt der Schwyzer, und zählt gleichsam als Beleg seine verschiedenen Verkehrsmittel auf, zu denen unter anderem ein E-Mountainbike, ein SUV sowie ein Porsche 911 Cabriolet gehören. «Und mein ältester Sohn hat sich vor kurzem einen Opel Astra GTC gekauft. Ich brauche wohl eine grössere Garage», sagt Arnold Marty mit einem verschmitzten Lächeln. 

In jüngeren Jahren fuhr Arnold Marty auch oft und gerne Motorrad. Er besass zwei Enduro-Maschinen, mit denen er die Pässe im gesamten Alpenraum befuhr und zusammen mit Freunden Touren quer durch Europa unternahm. Der offene 911er ist heute seine Ersatzdroge für den Töff. Trotzdem kann man den neuen Chef der SAG Schweiz nicht als «Petrolhead» bezeichnen. Wichtiger als die Art der Verkehrsmittel ist ihm deren kluge Vernetzung, um effizient von A nach B zu gelangen: «Von Zürich nach Bern oder nach Genf nehme ich heute lieber den Zug.» 
 
Fast sein gesamtes Berufsleben hat Arnold Marty in der IT-Branche verbracht, wo er für internationale Konzerne wie HP, Ricoh und bis Ende 2020 Lenovo in leitenden Positionen tätig war. Von 2014 bis 2019 erfolgte ein fünfjähriges Engagement als CEO bei Tobler Haustechnik (später Meier Tobler Group). In die SAG will er einerseits sein Know-how aus der Informationstechnologie einbringen, aber auch seine Erfahrungen aus dem Gewerbe: «Ich komme sicher nicht mit fertigen Konzepten, aber mit dem Know-how, was technologisch möglich ist.» Dass er in 30 Jahren Berufskarriere in verschiedenen Branchen tätig sein durfte, bezeichnet Arnold Marty als Privileg: «Man lernt überall etwas dazu und man verschafft sich verschiedene Blickwinkel, um eine Lösung für ein Problem zu finden.»

Martys Führungsphilosophie ist stark geprägt vom angelsächsischen Stil der internationalen IT-Konzerne: «Ich bin ein Teamplayer, der an das Gute im Menschen glaubt. Und ich versuche, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Leute performen können.» Natürlich hänge Führung auch von der Situation ab: In einem Turnaround seien andere Ansätze gefragt als in einer Wachstumsphase. Arnold Marty definiert seine Führungsrolle als jene eines Bergführers, der die Seilschaft wohlbehalten auf den Gipfel führen will. 

Die Berge spielen nicht nur in seinem Führungsstil eine Rolle. Der Schwyzer fuhr in jungen Jahren aktiv Skirennen: «Slalom und Riesenslalom, für die Abfahrt war ich zu leicht.» Heute nennt der Bewegungsmensch Mountainbiken, Joggen und Skifahren zu seinen Hobbys. Wenn es die Zeit erlaube, auch Heliskiing, erzählt Arnold Marty und gerät ins Schwärmen: «Vor eineinhalb Jahren waren wir im Norden Islands. Unter den Skiern Pulverschnee, dazu das schwarze Lavagestein und weiter unten siehst du das Meer – das ist unbeschreiblich schön!» 

Aufgewachsen ist Arnold Marty mit vier Schwestern in Rothenthurm, wo der Vater eine kleine Bau- und Gipserfirma besass. Die Gemeinde im Kanton Schwyz war einst das Epizentrum des Schweizer Motocross-Sports – daher die Affinität zu Enduro-Maschinen – und wurde später bekannt durch die sogenannte «Rothenthurm-Initiative», die 1987 vom Schweizer Volk angenommen wurde. Die Schweizer Armee hatte in Rothenthurm inmitten eines Hochmoors einen Waffenplatz bauen wollen – die «Eidgenössische Initiative zum Schutz der Moore» verhinderte die Realisation. Die Verwurzelung in der ländlichen Schweiz ist ihm wichtig: «Ehrlichkeit, Vertrauen, Integrität» nennt er als jene Werte, die ihn ein Leben lang geprägt haben.

Aus Rothenthurm führte der Weg von Arnold Marty an die Universität Zürich, wo er sein BWL-Studium mit dem Lizenziat abschloss. «Ich wollte nie Lokomotivführer oder Pilot werden wie andere Kinder. Wenn ich gefragt wurde, was ich denn mal werden wollte, sagte ich schon als kleiner Bub ‘Geschäftsmann’.» Schon sein Studium hatte er sich mit Jobs in der IT-Branche finanziert, wo er später Karriere machte. Und auch da spielte die individuelle Mobilität eine grosse Rolle: «Vor allem für HP war ich extrem viel unterwegs. Pro Jahr kam ich auf rund 150 Flüge.» 

Gerade im Jahr 2020 mit dem Lockdown im Frühling und den darauffolgenden Reisebeschränkungen sei ihm bewusst geworden, welche Bedeutung die individuelle Mobilität für unser Leben hat: «Der Mensch will mobil sein.» Deshalb macht sich der neue Chef der SAG Schweiz auch keine Sorgen um die Zukunft der Schweizer Autobranche: «Die Leute sind unterwegs wie vor der Pandemie. Das zeigen die Mobilitätsdaten, die Google erhebt.» Diese Mobilität hat positive Auswirkungen aufs Werkstattgeschäft und nachgelagert auch auf die Zulieferer. 

Das ist eine Momentaufnahme, wie (hoffentlich) auch die Pandemie. Doch die Autoindustrie und mit ihr das Gewerbe befinden sich mitten in einem fundamentalen Wandel der Antriebstechnologien und der Mobilitätsformen. «Ich verstehe die Ängste der Menschen. Grundlegende Veränderungen verunsichern», sagt Arnold Marty, der die Transformation vor allem als Chance sieht: «Nicht alle Unternehmen werden die nächsten Jahre überleben. Wer aber innovativ ist und sich auf diese Veränderung einlässt, der hat gute Perspektiven.» In den letzten 50 Jahren sei die Schweiz mit verschiedenen Krisen konfrontiert worden, so Marty: «Ölkrise, Finanzkrise, Eurokrise, jetzt die Coronakrise… Die Schweiz hat aus all diesen Krisen rasch herausgefunden und jede hat uns stärker gemacht. Wir dürfen stolz sein auf unser Land und auf unsere Unternehmen.» 

Arnold Marty erinnert sich an seine fünf Jahre bei Tobler Haustechnik, als durch die Eurokrise von einem Tag auf den anderen die Lagerbestände 20 Prozent weniger wert waren. Innert weniger Monate habe sich das Unternehmen auf die neue Situation eingestellt und sei schliesslich so effizient aufgestellt gewesen, dass die Verluste nicht nur kompensiert worden seien, sondern dass man letztlich die Wettbewerbsfähigkeit verbessert habe. «Mittel- bis langfristig wird die Schweiz auch aus dieser Corona-Krise gestärkt hervorgehen.»

Zwischen der Haustechnik und dem Autogewerbe sieht Marty durchaus Parallelen. Einerseits sei der Menschenschlag ähnlich («ehrlich, direkt und bodenständig, ohne doppelten Boden»), aber auch der Wandel in der Technologie sei vergleichbar: «Die Haustechnik stand bis vor kurzem vor derselben Ausgangslage.» Noch vor wenigen Jahren waren Öl- und Gasheizungen der Standard, heute basieren neun von zehn neuen Heizungen auf Wärmepumpen. Und auch in diesem Gewerbe waren die Vorbehalte gross, weil eine Wärmepumpe deutlich weniger Wartung benötigt als ein Ölbrenner. «Trotzdem steht die Branche heute gut da. Und ich bin sicher, dass wir auch in 30 Jahren noch Autos mit Verbrennungsmotoren auf unseren Strassen sehen. Hoffentlich, denn ich möchte meinen 911er noch eine Weile fahren…»

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